Heilt die Zeit wirklich alle Wunden?

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Lifestyle Thoughts

Ich sitze auf meinem Sessel; mit einer großen Tasse Kaffee.
Ob ich unterbewusst geahnt habe, dass ich eine große Tasse brauchen werde? Ja, vielleicht. Kann gut sein.

Hätte ich auch geahnt, welches Bild ich gleich entdecke, hätte ich mir jedoch einen extra Shot Espresso reingehauen. Oder Vodka.
Vielleicht hätte ich auch einfach mein Handy gegen die Wand geschmissen. Es einfach verbrannt. Inklusive seiner Nummer natürlich.
Vielleicht übertreibe ich hier auch einfach nur, weil wir alle ganz genau wissen, dass ich einfach nichts von all dem gemacht hätte (gut, dass mit dem Kaffee wäre durchaus realistisch gewesen)!
Vielleicht beschreibt das aber auch einfach nur meine Verletzlichkeit, die ich in diesem Moment gespürt habe. Ich habe ein Déjà-vu. Zum gefühlt ein hundertsten Male.

Ich halte mein Handy in der Hand. Nichtsahnend und ohne Vorwarnung. Nehme einen Schluck von meinem Kaffee, scrolle gelangweilt meine Whatsapp Kontakte durch und bleibe stehen. Es ist nicht nur mein Finger, welcher stehen bleibt, sondern gefühlt meine Welt. Mein Atem. Weil ich wieder daran erinnert worden bin. Dass ich diese Wunde habe, die niemals zu heilen scheinen mag. Diese Wunde, die mich zu einem kleinen zerbrechlichen Mädchen macht.

FLASHBACK

Ich muss vier Jahre alt gewesen sein, als ich mit meinen Schwimmflügeln freudestrahlend aus dem Freibadbecken gestiegen bin und ehe ich mich umsehen konnte, von einem größeren Jungen umgerannt wurde. Zack, boom – da lag ich. Mit einem blutüberströmten Knie und vielen Schürfwunden. Eine weinende und schluchzende Janine in 1, 2 und… los!
Kaum humpelnd bei meiner Mama auf der Wiese angekommen, nahm sie mich in den Arm und wischte mir meine Krokodilstränen weg.

„Dreimal pusten, dann tut es nicht mehr so weh“ – ja, das hat ganz gut funktioniert. Damals. Wurden dann noch aus der Badetasche der kleine Kosmetikbeutel mit den vielen Pflastern gezogen, kam mein Grinsen schnell wieder zurück. Ich meine, wir reden hier nicht von den normalen Erwachsenen-Pflastern. Nein, die Rede ist von der Prinzessinnen- und Dino-Variante. Weil die auch einfach viel besser und schneller geholfen haben! Nach liebevoller Begutachtung meiner Wunden, der Pust-Methode und das sorgfältige Kleben der Pflastern war ich schneller zurück bei meinen neuen Freunden als die Polizei erlaubte.

Das war ziemlich einfach früher, oder? Wunden abdecken und an der Kraft des dreimaligen Pustens glauben – schwuppdiwupps waren die Schmerzen weg und vergessen. Es hat nicht lange gedauert und die Wunden waren geheilt. Ich meine, so richtig vollständig und komplett. Als wäre man nie hingefallen. Wenn das bloß immer so wäre…

 

Haltbarkeitsdatum abgelaufen – die Schonfrist ist vorbei!

Warum ich das erzähle? Vieles ist gleich geblieben. Passiert uns etwas Schmerzvolles, fassen uns die Menschen aus unserem nahen Umfeld mit Samthandschuhen an. Haben Verständnis, Rücksicht und Anteilnahme. Zeigen Empathie und fahren jegliche Art von Ablenkungsmanöver auf. Sie geben uns sozusagen dieses bunte Kinder Pflaster, welches man in solchen Momenten dringend braucht, damit eine Wunde heilen kann. Der bedeutsame Unterschied? Dass ein Pflaster nicht gegen jede Wunde ankommt. Dies aber irgendwie erwartet wird. Nach einer gewissen Zeit zumindest. Es „auch mal wieder gut“ sein muss. Vielleicht weil die Menschen sich das für einen wünschen. Vielleicht aber auch, weil sie selbst zu viel mitleiden. Den Schmerz nicht mit ansehen können. Wollen. Oder auch einfach, weil das Verständnis nun nicht mehr aufgebracht werden kann.

Sei es nur das Durchfallen der Abschlussprüfung, die Trennung vom langjährigen Partner oder der Verlust eines geliebten Menschens – auch wenn das Zeitfenster der Verarbeitung unterschiedlich lang ist, irgendwann ist die Schonfrist einfach abgelaufen. Die Wunde muss dann geheilt sein. Jetzt! Die Gesellschaft erwartet von einem, dass der Zeitpunkt gekommen ist, an dem es besser gehen muss. Die „Sache“ Schnee von gestern, man darüber hinweg ist. Damit abgeschlossen hat. Was viele dabei vergessen?

 

Du bist nicht ich. Ich bin nicht du.

Keiner kann den Ausmaß einer Verletzung so empfinden, wie der Mensch selbst. Keiner kann sich vorstellen, was der andere gerade fühlt, spürt oder durchmacht. Wir können nicht Gefühle übertragen bekommen, wir können lediglich nur erahnen, wie es anderen in schlechten Zeiten geht. Aber es nicht wissen. Nicht dasselbe empfinden.

Es kommt nicht darauf an, wie groß eine Wunde ist. Es kommt darauf an, wie tief sie ist.

Was für dich nur wie ein Kratzer oder eine Schürfwunde aussieht, kann bei mir das Leben wie ein Kartenhaus zusammen brechen lassen. Manchmal vielleicht sogar noch viel mehr als das. Weil wir Individuen sind. Jeder Verletzungen anders wahrnimmt, andere Hintergründe hat.

 

Dein Fußabdruck bei mir.

Ist die Zeit aber wirklich das Pflaster, welches die Wunden heilen kann?

Ist das wirklich so einfach wie das verletzte Knie im Schwimmbad?
Die Zeit hilft. Ja, da bin ich mir sicher. Sie macht eine großartige Arbeit. Die Zeit beweist, dass es selbst dann weitergeht, obwohl man sich irgendwie nicht mehr bewegen kann. Im übertragenen Sinne, meine ich. Wenn man sich durch Schicksalsschläge, Trennungen oder Verluste wie gelähmt fühlt. In ein Loch fällt. Die Welt zwar kurz stehen bleibt, aber das Leben danach weiter geht. Zeit vergeht. Und das macht es erträglicher, jeden Tag zumindest. Immer wieder ein kleines bisschen. Die Intensität einer Wunde lässt Schritt für Schritt nach.
Doch der Schmerz löst sich nicht in Luft auf! Nein, das funktioniert so leicht einfach nicht. Und mancher Schmerz wird für immer da sein. Präsent sein. Weil manche Wunden zwar geschlossen, aber eben nicht geheilt werden können. Dürfen.
Ich glaube, dass manche Schmerzen einfach nicht dafür gemacht sind, um zu gehen. Sie bleiben; dein ganzes Leben lang.
Besonders dann, wenn Menschen ihre Spuren hinterlassen haben. Und nie wieder zurück kommen.

 

Du, meine Wunde.

Ich frage mich, was passiert eigentlich genau, wenn eine Wunde nicht heilen kann? Also wenn kein Pflaster auf dieser Welt ausreicht, um eine Wunde „vergessen“ zu lassen? Zeit zwar das Ganze erträglicher, aber schlichtweg nicht besser macht?

Wir haben diese eine Schwachstelle. Diesen wunden Punkt. Diese Situationen, wo du genau an diese Wunde erinnert wirst. Wo du fällst. Meist passiert es zufällig, ganz ohne Vorwarnung. Es ist dieser Moment, wo es sich anfühlt, als hätte jemand gerade dein Pflaster weggerissen. Mit voller Wucht. Dieser Moment, wo du merkst, dass diese Wunde eben nie wirklich verheilt war. Das braucht nicht immer viel. Manchmal reicht nur ein Blick, ein Wort aus. Und manchmal auch einfach nur ein verdammtes WhatsApp Bild.

Ich glaube, ein Geheimrezept für die Heilung gibt es nicht. Wir müssen uns eingestehen, dass es in Ordnung ist, solche Wunden zu haben. Lernen, diese zu akzeptieren. Weil jeder von uns damit zu kämpfen hat. Es ist in Ordnung, nicht unversehrt zu sein.
Die Auseinandersetzung mit der Bewältigung bringt uns weiter. Du weißt schon, durch das Weitergehen eben. Weiterleben. Weil dich alles stärker macht, was dich nicht umbringt. Ausgeleierter Spruch? Ja, aber mit unglaublich viel Wahrheitsgehalt dahinter!

Heilt die Zeit wirklich alle Wunden?

Meinen Kaffee habe ich inzwischen auf Ex getrunken. Ironie des Schicksal? Maybe.
Dinge müssen passieren, weil sie es einfach müssen. Auch wenn wir vielleicht nie wirklich das „warum“ erfahren werden, jede einzelne Wunde und Erfahrung trägt einen Teil zu unserer persönlichen Geschichte bei. Zu unserem Selbst. Sie machen uns zu dem Menschen, den wir heute sind.

Wir müssen nur das Loslassen lernen. Uns nicht zu sehr mit dem Schmerz vom Abziehen dieses einen Pflasters beschäftigen. Weitermachen. Und die Zeit hilft uns dabei, es zu lernen. Aber sie hilft uns nicht dabei, unsere Wunden unsichtbar zu machen. Sie zu vergessen oder gar zu heilen.
Eine tiefe Wunde hinterlässt ihre Narben, die nicht einfach so verschwinden können. Manchmal auch für immer bleiben. Vielleicht ein wenig verblassen, aber nie ihre Sichtbarkeit verlieren werden. Genauso wenig wie unsere Verwundbarkeit. Aber das ist okay…hey,das ist es wirklich.

2 Antworten

  1. Victoria Christina
    | Antworten

    Liebe Janine,
    ich bin eine stille Leserin aber mit jedem deiner Blogeinträge zum Thema „thoughts“ schießt du den Vogel absolut ab (positiv gemeint 😄). Ich inhaliere quasi jeden Satz und versuche ihn für immer in meinem Gehirn festzuhalten, um schwierige Situationen in Zukunft anders anpacken zu können. Um einfach lockerer mit gewissen Dingen umzugehen. Um geistig zu wachsen. Dein Blog ist quasi mein Lexikon, mein Ratgeber. Kurz gesagt: Ich kenne niemanden, der Worte dermaßen geschickt zu so tiefsinnigen und wunderschönen Sätzen formulieren kann. Bei jedem einzelnen Post fühlt man jedes einzelne Wort & hat das Gefühl, stärker und weise zu werden. Mir gehen oft ähnliche Gedanken durch den Kopf und ich warte darauf bist du sie zu Papier bringst, weil ich es in der Form niemals könnte.
    Das was du hier tust ist unglaublich gut und bitte hör niemals auf damit!

    Alles Liebe für dich,
    Victoria Christina

    • Jani Isa
      | Antworten

      Liebe Victoria,
      auch hier nochmal tausend Dank für deine liebe Worte, die du gefunden hast! Das freut mich natürlich unglaublich zu hören und ist mit Abstand das größte Kompliment, was du mir geben konntest! <3
      Vielen vielen Dank und selbstverständlich werden noch ganz viele Beiträge hier kommen! 🙂
      Fühl dich gedrückt,
      Janine

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