Seelenstriptease

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Lesezeit: 4min

Ich steige ins Auto, mache den Motor an. Vor zwei Stunden, da war ich noch glücklich und unbeschwert. Vor zwei Stunden. Ich versuche zu verstehen, was in mir passiert. Versuche zu atmen, den Kloß in mir herunterzuschlucken. Rückwärtsgang. Ich parke aus, wir verabschieden uns. Ich fahre los, drehe die Musik an.
Es kommt Frank Ocean. Perfektes Timing. Beschissenes Timing. Ich merke, wie mein Kartenhaus zusammenbricht. Ich war mir sicher, es ist alles gut.
War mir sicher.
So verdammt sicher.

Ich muss anhalten, fahre in eine Seitenstraße rein. Mein Gesicht verzieht sich, Stirnrunzeln. Versuche zu atmen, den Kloß in mir herunterzuschlucken. Ich breche zusammen. Alles um mich herum bricht zusammen. Es ist leer. Es ist spät, dunkel. Eine Straßenlaterne scheint mir ins Gesicht. Es ist still. Zu still. Lass‘ das raus, was nie herauskam. Was ich verdrängt hatte, nicht wahr haben wollte. Wovor ich so unfassbar große Angst hatte. Ich bereue und ich verstehe. Verstehe das erste Mal mich selbst, meine Entscheidung. Meine Entscheidung, die ich immer für so richtig gehalten habe. Meine Entscheidung, die andere immer für so richtig gehalten haben.
Ich bin enttäuscht von mir. Verletzt und gleichzeitig so wütend. Was wäre wenn? Was wäre gewesen, wenn ich nicht so egoistisch gewesen wäre?

Woran macht man überhaupt einen Fehler fest? Ist es ein Fehler, wenn ich es damals für richtig gehalten habe? Ist es ein Fehler, wenn es mich persönlich weiter gebracht hat? Ist es ein Fehler, wenn man im Nachinein merkt, dass man doch irgendwie bereut?

Ich habe mein eigenes Herz gebrochen, nicht du. Es bin ich.

Ich breche zusammen, ich habe es verstanden. Man verändert sich, wenn einem das Herz gebrochen wird. Schlagartig. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Ich bin nicht perfekt und werde es niemals sein. Selbstliebe. Ich bin mir meiner Schwächen bewusst. Habe ich wirklich einen Fehler gemacht? Was wäre wenn? Ich versuche auf mein Bauchgefühl zu hören. Das Bauchgefühl, das mir damals gesagt hat, du machst das Richtige. Es ist das Beste. Für mich, aber auch für dich.

Ich sitze im Auto. Ich versuche auf mein Bauchgefühl zu hören. Das Bauchgefühl, das mir jetzt das erste Mal sagt, es muss ein Fehler gewesen sein. Das hättest du nicht tun dürfen. Ich bin einfach gegangen, weggerannt. Weggerannt vor Problemen. Ich habe weggeworfen. Ich habe es so gewollt. Warum zur Hölle habe ich das gewollt?
Es war ein guter Fehler und irgendwie einfach nur ein Fehler. Ich war schon oft alleine. Hatte nie Probleme damit, ich habe es immer genossen.

Ich sitze im Auto und fühle mich alleine. Nicht, weil gerade keiner bei mir ist. Es fühlt sich dieses Mal anders an. Eine andere Form von Alleinsein. Ich fühle mich ersetzt. Einfach schrecklich einsam.

Ich wollte bleiben. Jetzt bist du derjenige, der gegangen ist.

Es fühlt sich wie gestern an. Die Entscheidung hatte mir schon immer Bauchschmerzen bereitet. Ich wusste, dass es nicht leicht wird. Leicht ist. Oft bereut man Dinge, die man nicht getan hat. Aber ist das wirklich so viel besser, wie Dinge zu bereuen, die man getan hat? Ich frage mich wieder, was wäre wenn? Ich weiß nicht, ob es besser gewesen wäre, wenn ich es nicht getan hätte. Aber ich weiß, dass ich es dann wenigstens versucht hätte.

Wir haben ein Leben. Eins reicht, wenn wir unserem Herzen folgen. Seinem Herzen zu folgen ist immer eine gute Entscheidung. Das ist immer das Richtige. Dachte ich.
Können sich Herzen eigentlich täuschen? Können Herzen Fehlentscheidungen treffen?

Ich weiß nicht wo hin ich gehen soll. Ich will nicht nach Hause. Ich will raus, weg, wieder davonlaufen. Vor meinen eigenen Gedanken. Oder Schuldgefühlen? Ich weiß nicht mehr, was das Richtige ist. Ich weiß nicht mehr, wo ich hin gehöre. Ich fühle mich allein. Allein mit meiner Entscheidung, mit meinen Gedanken.

Ich habe mir nichts anmerken lassen. Wollte stark wirken. Der Kloß war fast unerträglich für mich. Ich hätte das nicht tun sollen, hätte bleiben sollen – denke ich mir still und heimlich. Ich hätte so viel anders machen sollen. Wäre es dann besser gewesen? Wäre es besser gewesen, diese Erfahrung nicht zu machen? Eine Erfahrung, die mich hat so viel über mich selbst lehren lassen. Die mir jetzt gezeigt hat, was ich falsch gemacht habe. Was ich anders hätte machen könnte.

Es war eine gute Erfahrung und Entscheidung. Und dennoch war es ein Fehler.

Ich bin verwirrt. Ich suche nach Vergebung. Ich will reden, mich erklären, mich entschuldigen. Hörst du mich? Ich will, dass du das hier liest und wiederum will ich, dass du das hier niemals lesen wirst. Denn das ist nicht fair, das weiß ich.

Ich versuche mich zu sammeln. Fahre weiter. Die Straßen sind leer. Ich fühle mich leer. Mit all den Gedanken, die ich nicht ordnen kann. Gefühle und Schmerzen, die für mich unklar sind. Undeutlich und doch so deutlich. Ich weiß, dass es damals richtig war. Ich glaube, dass es jetzt falsch war.

Ich gebe mich geschlagen, der Vorhang ist gefallen und es gibt keinen Abspann. Seelenstriptease.

Die Show ist vorbei. War ich wirklich ich? Ich suche nach Erklärung. Entschuldigungen. Ich verteidige mich selbst. Ich habe Gewissensbisse. Ich war nicht darauf vorbereitet und wusste dennoch, dass ich es irgendwann bereuen werde. Nein, eigentlich habe ich es nur geahnt. Nicht gehofft. Ich bin jetzt zu spät. Ich habe kaputt gemacht ohne zu Reparieren. Habe keine zweite Chance gegeben. Generation Wegwerfgesellschaft. Habe nicht zusammengehalten, als es schwierig wurde.

Ich schäme mich, ich bin enttäuscht. Von mir selbst. Und gleichzeitig von dir.

Keiner hat gekämpft. Habe zu früh das Handtuch geworden, zu spät geredet. Es war zu viel verfügbar. Wollte mehr, Besseres. Was Anderes. Ich bin ausgebrochen. Und jetzt? Jetzt bin ich eingebrochen. Ich bin gebrochen, weil ich Kleinigkeiten übersehen habe und einfache Dinge nicht zu schätzen wusste. Wichtige, unbezahlbare Dinge.

Und auch wenn mich dieser Satz innerlich umbringt:
Ich bin froh, dass es dir besser geht. Du glücklich bist. Ohne mich. Ich vermisse dich.

 

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