Warum ich ‚good vibes only‘ scheiße finde

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Lifestyle Thoughts

Fragt man Menschen, was das Ziel oder der Sinn im Leben ist, bekommen wir nahezu immer dieselbe Antwort:
Glücklich sein oder werden. Mich übrigens mit eingeschlossen. Ich will glücklich sein. Zufrieden sein mit meinem Leben. Ankommen. Mit mir selbst im Reinen sein. Das tun, was mich glücklich macht – frei von der Meinung anderer.
Ich würde mich selbst als einen Menschen beschreiben, der positiv durch das Leben geht. Aber irgendwie scheint es mehrere Sorten von positiv denkenden Menschen zu geben. 
Da gibt es nämlich noch die anderen. Diese „good vibes only“- Fraktion. Die, die dir ständig predigen, dass alles positiv ist. Sein muss. Die Welt voller Glitzer und das Leben immer wunderschön ist. Diese Fraktion, die dir ständig das Gefühl vermittelt, dass dir die Sonne aus dem Arsch scheinen muss.

Betrachten wir das Ganze oberflächlich, ist es alles andere als verkehrt. Der Gedanke dahinter ist richtig. Im Grunde genommen ist das ja auch meine Einstellung. Konzentriere dich auf die guten Dinge im Leben. Ja, es ist ein guter Weg zum Glücklichsein. Was mich an diesem „good vibes only“ stört, ist diese andere Seite, die ausgeschlossen wird. Über die man nicht reden will. Die Außenstehende unter Druck setzen kann. Einem unterbewusst das Gefühl geben, ein Versager zu sein. Weil gerade mal keine „good vibes“ zu spüren sind. Eben nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen ist.
Ich finde das nicht gut. Um ehrlich zu sein, finde ich das sogar richtig scheiße. Vielleicht aber auch einfach nur, weil ich finde, dass diese „positive vibes“- Einstellung bei zu vielen gespielt ist. Ich werde das Gefühl nicht los, dass zu viele nicht ehrlich sind. Nicht nur anderen, sondern auch sich selbst etwas vorspielen. Vorlügen.

Das hat mich nachdenklich gemacht. Ich habe schon oft darüber geschrieben, dass man in allem das Positive sehen kann. Habe ich aber auch darüber geschrieben, dass es Momente gibt, in denen es in Ordnung ist, wenn man das mal nicht sehen kann? Es in Ordnung ist, nicht immer glücklich zu sein? Weil das einfach so unfassbar menschlich ist? Falls ich das habe nie richtig durchsickern lassen, werde ich das heute ändern.
Keiner kann nämlich 24/7 mit einem fetten Grinsen durch die Weltgeschichte laufen.
Niemand von uns wird vor traurigen Momenten, schlechten Erfahrungen oder Enttäuschungen bewahrt. Auch kein Instagram-Influencer-Model mit scheinbarem Traumleben an Traumplätzen.

Jeder möchte am Ende des Tages glücklich sein. Was viele dabei vergessen? Man verpasst das Glück, wenn man dies als einziges Ziel auslegt. Glück ist eine Emotion. Das ist aber nicht die Einzige, die es gibt. Hass, Trauer, Wut, Angst, Sehnsucht – die Liste ist lang. Warum wollen wir immer nur, dass bewusst eine Emotion ganz vorne steht? Klar, Glück fühlt sich definitiv besser an wie Leid. Doch scheinbar hat jede negative Emotion sofort einen schlechten Ruf.
Aus welchem Grund sonst, schämen sich Menschen für psychische Erkrankungen? Depressionen? Panikattacken? Wie viele Menschen fühlen sich beim Weinen unwohl? Das würde Schwäche bedeuten. Würden übrigens viele gar nicht als Schwäche betiteln, wenn man endlich anfangen würde, hinzuschauen. Und nicht weg. Da zu sein und nicht sofort zu gehen. Es ist etwas, was in unserer Gesellschaft negativ behaftet ist. Gefühlen, mit denen man nicht konfrontiert werden will. Sei es bei sich selbst…oder bei anderen. Einfach positiv denken – Es scheint die Lösung für alles zu sein. Sage das mal jemanden, der gerade die Liebe seine Lebens verloren hat. Keiner kann in solchen Momenten eine freudige Emotion spüren.

Es ist in Ordnung, mal nicht gut gelaunt zu sein. Sich schlecht zu fühlen. Traurig zu sein. Es ist nicht schlimm, sich mal unter der Bettdecke zu verkriechen, melanchonische Musik auf Spotify zu hören und nachzudenken. Was jedoch nicht in Ordnung ist, ist diesen Zustand nicht zu akzeptieren. Weil Menschen einem vorleben, dass nur positive Vibes zählen. Bullshit sage ich! Gerade solche starken Gefühlen müssen wir fühlen. Weil Verletzungen heilen müssen. Innerlich. Kummer muss rausgelassen werden, damit es danach einem besser geht. Wir müssen leiden, um zu verarbeiten. Auch wenn ich selbst daran festhalte, dass alles aus einem bestimmten Grund passiert, bedeutet das nicht, dass mich keine Situation traurig macht. Menschen mich enttäuschen oder aufregen. Ich selbst bin bei gewissen Dingen immer noch auf der Suche, welchen Sinn es hat. Warum Dinge so gekommen sind, wie sie nunmal gekommen sind. Aber ich werde es irgendwann herausfinden. Genauso wie du es tun wirst.

Ich möchte dir heute auf den Weg mitgeben, dass du so sein darfst, wie du dich fühlst. 
Akzeptiere all deine Emotionen, die du in dir hast. Lasse Gefühle zu, um dir selbst immer wieder ein Stückchen näher zu kommen. Man kann nicht immer glücklich sein. Glück kann nur existieren, wenn die anderen Emotionen auch vorbeischauen. Sich ab und zu mal blicken lassen.
Wären wir immer glücklich, würden wir diesen Zustand nicht mehr als Glück erkennen können. Wir könnten es einfach nicht mehr wahrnehmen. Zu schätzen wissen. Die mit Glück verbundene Euphorie verfliegt sowieso ziemlich schnell.
Glück kann kein dauerhafter Zustand werden, weil es immer an einem Augenblick geknüpft ist. So wie mit der anfänglichen rosaroten Verliebtheit oder mit dem neuen Paar Schuhe im Kleiderschrank. Man gewöhnt sich. Wir Menschen gewöhnen uns erschreckend schnell. Zu schnell, findest du nicht auch? Genau deswegen sollte Glück keine Normalität werden. Es ist etwas Besonderes. Etwas Vorübergehendes und unglaublich Wertvolles. Emotionen müssen sich nun mal abwechseln, damit wir in der Lage sind, Freude zu spüren.

Wie alles da draußen, erblüht unser Leben nur durch den Wechsel von Sonnenschein und Regen. Wir brauchen diese Höhen und Tiefen einer Achterbahn. Das Auf und Ab von Emotionen. Weil sie dir zeigen, dass du lebst. In vollen Zügen! 
Es wird nicht immer Spaß machen. Glück ist nicht das Gleiche wie Wohlfühlen. Genauso wenig wie es bedeutet, immer nur gut gelaunt zu sein, egal was passiert.

Alle Emotionen haben ihre Daseins-Berechtigung. „Positive vibes“ haben das ebenfalls. Aber die gibt es nicht immer und dauernd. Diese Fraktion darf diesen Satz nicht entfremden und missbrauchen. Ursprünglich sollten diese sogenannten „good vibes“ einfach nur ein Zeichen dafür sein, Menschen oder Situationen mit offenen Armen zu empfangen und zu begegnen. Mit Liebe und Warmherzigkeit gefüllt zu sein. Niemanden zu verurteilen, sondern jeden so leben zu lassen, wie er es für richtig hält. Das hat einen ganz einfachen Effekt: Weil wir damit am tiefsten zu Menschen durchdringen können. Das ist der Sinn dahinter. Und nicht die Erlaubnis, nur glücklich zu sein.

Positive Gedanken als Grundeinstellung können dir helfen zu einem glücklicheren Menschen zu werden. Du darfst nur nicht vergessen, dass auch glückliche Menschen traurige und schwere Momente haben. Jedes Gefühl darf also mal im Vordergrund stehen, wenn du dich hauptsächlich in der Mitte befindest. Das Geheimnis hinter diesem ganzen Glücklichsein ist die Balance. Es geht darum, sich von schwierigen Zeiten nicht unterkriegen zu lassen. Nach jedem Hinfallen wieder aufzustehen. Dankbar darüber zu sein, was man hat und glückliche Phasen zu schätzen zu wissen.
Hören wir auf, ständig den „good vibes“ hinterher zu rennen. Kann es nicht sein, dass unsere Vorstellung vom Glück uns erst Recht unglücklich machen? Je stärker wir versuchen, schmerzhafte Gedanken und Gefühle zu verdrängen oder durch positive zu ersetzen, desto mehr fangen wir an, zu leiden. Irgendwo zwischen diesem ganzen Glück und Unglück liegt die Zone, wo es sich vermutlich am besten leben lässt. Kein Leben ist vor kleinen oder großen Schicksalsschlägen geschützt.

Dieses Glück, welches sogar das Unglücklichsein umfasst – das ist es, was wir anstreben sollten. Nicht mehr und nicht weniger. 

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