Wie es sich anfühlt, nackt zu sein

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„Na, wie geht’s dir?“ – Sind wir mal ehrlich, wie oft geben wir daraufhin eine ehrliche Antwort? Und wie oft sagen wir aus Reflex, dass es uns gut gehe, obwohl wir eher das Gegenteil empfinden? Ja, wir wollen nicht jedem von unserer aktuellen Gefühlslage erzählen, aber manchmal wollen wir auch einfach gar nicht reden. Mit niemanden. Lieber ein Lächeln aufsetzen, als erinnert zu werden. Lieber sagen, dass es einem gut gehe, als nachgefragt zu werden.

 

Die Schattenseite

Mein Blog ist für mich wie eine Art Therapie. Zuflucht. Ein Ort, an dem ich so unverblümt ehrlich sein kann. Ich schreibe und ich verarbeite. Wie ein Tagebuch, wo ich meine ganzen Gedanken und Gefühle loswerden kann. Mit einem gewaltigen Unterschied: Ich teile. Und zwar zum Großteil mein Gefühl-Inneres.

Das ist nicht immer von Vorteil, weißt du? Weil ich mich dadurch verletzlich mache. Weil Öffentlichkeit bedeutet, dass jeder Zugriff darauf hat. Ohne mein direktes Einverständnis. Ich nicht festlegen oder wissen kann, wer meine Beiträge liest. Kann weder blockieren, noch es jemanden verbieten.

Es gibt Momente, wo ich das hier alles in Frage stelle. Weil es eben nun mal nicht immer von Vorteil ist, seine Gefühle und Gedanken mit der Welt zu teilen. An einem Ort, zu dem jeder Zugang hat. Und manchmal gibt es Momente, wo ich mir nicht sicher bin, ob ich es hätte loswerden sollen. Weil manche Gedanken manche Menschen besser nie lesen sollten. Es besser wäre, wenn sie es nicht von mir wüssten.

Das ist kein Bereuen, es ist einfach nur eine Schattenseite. Etwas, womit ich klar kommen muss.
Wenn ich dir sage, dass das ein sehr hoher Preis ist, den ich zahlen muss, würdest du das nachvollziehen können?
Ich werde nämlich das Gefühl nicht los, dass viele es nicht verstehen. Das alles hier, meine ich. Nicht verstehen, wie sehr ich in die Tiefe gehe und wie unglaublich verletzlich mich das Ganze hier macht.

 

Hättest du denselben Mut?

Stell‘ dir vor, du führst ein Tagebuch. Peinlich, nä?
Richtig „oldschool“ und eher so ein Teenie-Ding, habe ich Recht? Vielleicht.

Doch wenn wir das mal für einen kurzen Moment ausblenden und du regelmäßig deine ganzen ehrlichen (!) Gefühle aufschreiben würdest…du würdest es an einem ziemlich guten Platz verstecken, oder? An einem Platz, den nur du kennst und keiner finden kann. Naja weil vielleicht…weil es vielleicht etwas gibt, was nicht jeder wissen sollte.
Gefühle, die du selbst nicht wirklich einordnen kannst.
Dinge, mit denen man selbst erst zurecht kommen muss.
Oder einfach Gedanken, die dir den Schlaf rauben und dich keine Ruhe finden lassen.

Stell‘ dir vor, du führst genau dieses Tagebuch. Gefüllt mit deinem tiefsten Inneren. Und jetzt frage dich, ob du denselben Mut hättest, es zu veröffentlichen? Mit tausenden von Menschen zu teilen?

Hinter jedem persönlichen Beitrag von mir, jeder der fern ab von jeglicher Oberflächlichkeit ist, steckt Mut. Hinter jedem Button „Veröffentlichen“. Weil meine Maske hier immer wieder abfällt. Ich mich ungeschminkt zeige. Nein, weil ich mich absolut nackt zeige!

 

Der Vorhang fällt

Ich lasse also immer wieder den Vorhang fallen, aber ich brauche keinen Applaus. Keinen Jubel. Keine Bestätigung. Natürlich freue ich mich darüber. Doch was ich viel eher brauche?

Menschen, die berührt vor mir sitzen und nachdenklich, aber irgendwie auch zufrieden, den Saal verlassen. Mit einem guten Gefühl raus gehen. Das ist es, was ich mag, was mich erfüllt. Was mich darin bestärkt, das Richtige zu machen. Es sind nicht die Worte über mein Aussehen oder Modegeschmack. Die berühren mich nicht. Das erreicht mich einfach nicht. Weil Oberflächliches immer im Auge des Betrachters liegt. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben.

Ich will keine Maske sein. Keine oberflächliche Schale ohne Inneres. Gerade in unserer heutigen Zeit nicht, wo Oberflächliches durch die Digitalisierung und Social Media immer präsenter wird. Immer mehr an Bedeutung gewinnt. Das bin nicht ich.

 

Richtig hinschauen

Ich bin ein absoluter Gefühlsmensch. Sensibel. Ich mache mir über zu vieles zu viele Gedanken. Ich liebe zu viel und ich liebe zu intensiv. Will entweder etwas ganz oder gar nicht. Leide und kämpfe. Falle hin und stehe wieder auf.

Und ich kann genau diese Gefühle und Gedanken in Worte packen. Das kann nicht jeder, denke ich. Und vielleicht ist das eine Gabe, die dafür gemacht ist, um geteilt zu werden. Eine Gabe, die Menschen helfen kann. Manchmal braucht das nämlich nicht viel. Da reichen nur ein paar Worte aus, um etwas zu bewegen. Aber es macht mich angreifbar. Vor Menschen, die meinen Mut nicht erkennen und meinen Auftritt nicht respektieren können. Nicht sehen, wie viel hinter einem Blog stecken kann.
Wie bei dem Eisberg, das aus dem Meer ragt: Man sieht nur eine kleine Spitze, aber eben nicht, wie tief das Ganze geht.

 

Und plötzlich bin ich nackt.

„Na, wie geht’s dir?“ – Manchmal will ich einfach keine ehrliche Antwort darauf geben. Niemanden. Weil sich das Interesse daran oftmals auch nicht echt bei mir anfühlt. Oder auch einfach, weil ich gerade wirklich nicht reden möchte.

Und dann sage ich, dass es mir gut gehe.
Und dann werde ich ganz schnell daran erinnert. Dass manche Menschen mich besser kennen, als mir lieb ist. Mein Inneres, meine Gefühlswelt sich in der Öffentlichkeit befindet.

„Echt? Hat sich in deinem letzten Blogbeitrag aber anders angehört. Ging es da eigentlich um X?“

Ich stehe da. Ohne Schutz. Weil ich mir den selbst genommen habe. Ich fühle mich entblößt. Ich fühle mich komplett ausgezogen. Nackt.

6 Antworten

  1. […] bringt es in Ihrem Post „Wie es sich anfühlt, nackt zu sein“ sehr schön auf den Punkt, wie es ist, seine Gefühlswelt online zu teilen. Ein sehr ergreifender […]

    • Jani Isa
      | Antworten

      <3 DANKE!

  2. Sibel Genc
    | Antworten

    Hallo Jani (darf ich das sagen/schreiben?),

    wieder einmal ein sehr toller und auch tiefgründiger Post.
    Ich finde es großartig was du hier mit uns teilst, aber wie du schon sagst, das ganze hat auch Schattenseiten.
    Du kannst Menschen bei denen dir es nicht so lieb ist, dass sie deinen Blog lesen nicht sperren.
    Wenn du es veröffentlichst, hat jeder Zugriff.

    Ich muss sagen ich liebe genau diese Beiträge an dir! Klar wenn du über Kleidung etwas veröffentlichst ist es schön und ich schau mir deine Fotos auch wahnsinnig gern an (übrigens steht dir deine derzeitige Haarfarbe total, aber nun Schluss mit dem oberflächlichen Kram ;)), aber gerade diese Posts, einfach an deinen Gedanken teilhaben zu dürfen ist großartig. Zu lesen, dass wir gar nicht so verschieden sind. Viele Denkweisen in denen ich mich selbst wiedersehe. Genau das macht deinen Blog aus! Du bist einfach ECHT!

    Es gibt Tage da lese ich deine Beiträge und denke mir nur: „Danke! “
    Manchmal hab ich einfach so miese Tage und da helfen mir deine Beiträge wirklich wieder Mut zu finden.
    Viel zu oft wird man unterdrückt, nicht akzeptiert und manchmal kommen diese Tage an denen du denkst nicht richtig zu sein, so wie du bist. An solchen Tagen herrscht ein Krieg.

    Du bist wahnsinnig Mutig und toll, und großartig!

    Es gehört sehr sehr viel Mut dazu, seine wahren Gedanken zu offenbaren! Denn oftmals wird man verurteilt, schief angesehen oder einfach drauf angesprochen, obwohl man das eigentlich gar nicht möchte.

    Danke das es dich gibt!

    Liebe Grüße

    Sibel

    • Jani Isa
      | Antworten

      Liebe Sibel,

      deine Worte waren wirklich mein absolutes Highlight heute! Ich danke dir vielmals für dein Feedback, das bedeutet mir sehr viel!
      Freut mich unheimlich, wenn ich etwas mit meinen Beiträgen bewegen und inspirieren kann!:*)

      Fühl dich ganz dick umarmt von mir,
      Janine

  3. Feli
    | Antworten

    Ich liebe deine Beiträge, weil sie soviel Inhalt haben ! Danke <3
    Liebe Grüße, Feli von http://www.felinipralini.de

    • Jani Isa
      | Antworten

      Ach Feli, du bist wirklich die Süßeste! Danke, dass du so eine fleißige Leserin bist! <3

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